Zwei LAZNer am Alpenbrevet

Lockere 3-Pässe-Fahrt

Wie vielleicht einigen bekannt ist, sind Kolja und ich neben den LA-Trainings auch noch per Velo unterwegs. Nach dem letztjährigen Züri-Metzgete-Abenteuer hatten wir uns gegenseitig animiert, einmal ein paar längere Steigungen als den Siglistorfer und den Regensberger zu bewältigen. Haben wir genügend Power, um drei währschafte Alpenpässe hintereinander zu bewältigen? Bestens geeignet diese Frage zu beantworten ist das Volksradrennen Alpenbrevet.  

Bei dieser Veranstaltung kann zwischen drei verschiedenen Rundstrecken mit Start und Ziel in Meiringen gewählt werden. Auf der Platin-Tour fährt man über die Pässe Grimsel, Furka, Nufenen, Lukmanier, Oberalp und Susten zurück nach Meiringen (276km, 7031 Höhenmeter!). Die Goldentour führt über Grimsel, Nufenen, Gotthard, Susten (172km, 5294 Hm), und bei der Silbertour biegt man nach dem Grimsel in Gletsch ab und fährt direkt über den Furka und Susten (131km, 3975 Hm) zurück nach Meiringen.  

Die Silbertour  

Wir meldeten uns also für die Silbertour an, da uns sonnenklar war, dass wir nur mit einer scharfen Linkskurve in Gletsch eine Chance auf Durchkommen innerhalb der Zeitlimite hatten. So standen wir wolkenverhangene Berge also am 8.8.2009 pünktlich um 06.45 Uhr auf der Dorfstrasse mit rund 1200 weiteren Veloverrückten am Start, trotz miserablen Wettervorhersagen. Gut gelaunt bei feuchter Fahrbahn und bedrohlich schwarzen Wolken im Rücken fuhren wir rund 4 Minuten nach dem Startschuss beinahe am Schluss des Feldes über die Startlinie. Die ersten 100 Höhenmeter kurz nach dem Start bei der Aareschlucht konnten wir noch locker im Feld (Tour de France-Feeling) mithalten. Die kleine Steigung wärmte uns aber bereits genügend, um in Innertkirchen die wärmenden Beinschützer, Armstulpen etc. auszuziehen, schien doch Petrus vorerst Erbarmen mit den Radlern zu haben und beliess es bei trockener Witterung.  

Ganz unserer Mannschaftstaktik gehorchend, wollten wir unsere Körner nicht gleich zu Beginn verbrennen, sondern uns gegenseitig die Berge hoch helfen und vor Kontrollschluss im Gruppetto in Meiringen wieder ankommen. Bald nach Innertkirchen, zu Beginn der rund 26km langen, bis zur Grimsel Passhöhe gut 1500 Höhenmeter überwindenden Strasse, konnten wir den endlos erscheinenden Tatzelwurm von Velofahrern entschwinden sehen. Das mit dem Gruppetto war ja auch nur Wunschdenken.  

Wir krochen mit anderen Einzelkämpfern gemächlich den Berg hoch und kamen gegen zehn  UhrVerschnaufpause im Kreise der Fangemeinde nach zwei Fotostopps mit knapper Zwischenverpflegung (Riegel) auf dem 2165m hohen Grimsel an.  Leider waren die imposanten Berggipfel, welche sich hier präsentieren würden, mehrheitlich hinter dicken Wolken versteckt. Die aus dem Haslital hochkriechenden Regenwolken und der in dieser Höhe empfindlich kühle Wind luden uns nicht zum langen Bleiben ein. Zeit für ein Gipfelfoto musste aber schon sein, waren wir doch bereits ein wenig Stolz, die längste Steigung (rein nach Kilometern gemessen) hinter uns gebracht zu haben.  

In winddichte Jacken gepackt und mit wärmenden Stulpen geschützt, stürzten wir uns in rasanter Fahrt ins Wallis hinunter. Mitten in Gletsch empfing uns mit schrillem Pfeifen das Zeitmesssystem, und sogleich mussten wir uns auf die besagte Linkskurve konzentrieren. Nur ein kurzer Stopp liess uns unsere wärmenden Kleider ausziehen, lag doch nun die 10km lange Steigung zum 2436 m hohen Furkapass, dem Dach unserer Tour, vor uns.  

Immer höher, immer steiler  

Die Terrasse des gleich gegenüberliegenden Restaurants verlockte zwar schon zu einem längeren Stopp. Die schlechte Wetterprognose im Hinterkopf trieb uns dann jedoch sofort wieder den Berg hoch. In der ersten Kurve der Steigung griff ich dann aber nochmals kurz in die Bremsen, um die unter Volldampf stehende Lok zu fotografieren, welche sich ebenfalls bereit machte, den Weg hinüber in den Kanton Uri unter die Räder zu nehmen.  

Die erste Hälfte der Furkapassstrasse ist wirklich auch für Radfahrer ein Genuss, bleiben doch die Steigungsprozente deutlich im tieferen einstelligen Bereich, sodass das Gefühl des Rollens noch vorhanden war. Kurz nach dem überqueren der Furka Bahnlinie, wurde das lockere Fahrgefühl aber brutal zerstört. Jedenfalls musste ich persönlich zum ersten Mal leiden, und mein Tachometer zeigte mit nur noch wenig über 7km/h kein wirklich rennmässiges Tempo mehr. Den wenigen Fahrern/innen auf diesem Teilstück erging es aber mehrheitlich gleich. So motivierte mich jeder vor mir liegende Teilnehmer zusätzlich, speziell wenn es mir gelang ihn gar zu überholen, was aber zugegeben sehr selten der Fall war.  

Der letzte Kilometer bis zum vereinbarten Zwischenstopp beim Hotel Belvédère ging wirklich Blick zurück zum Uri-Stier erstmals richtig an die Substanz. Kolja, den ich leider auf den letzten paar Kehren ziehen lassen  musste, wartete bereits am Strassenrand beim vereinbarten Treffpunkt. Beim Blick zurück über den Talboden zum Grimsel stellten wir wie alle Touristen, welche vielleicht vor langer Zeit schon einmal von dieser Stelle aus den Rhonegletscher bestaunt hatten fest, dass da wo damals der Gletscher lag, nur noch blank geschliffene Felsen zu bestaunen sind und die Gletscherzunge nun weit oben hinter dem Felsabbruch endet. Also hielt uns nichts mehr zurück, auch die letzte Rampe zur Passhöhe in Angriff zu nehmen. Allerdings hielten wir kurz vor der Passhöhe nochmals Ausschau nach dem rund 300 Meter tiefer schnaufenden Dampfzüglein. Es hatte inzwischen ebenfalls den anstrengenden Teil der Strecke hinter sich gebracht. Die Zugreisenden gelangen nämlich durch einen Scheiteltunnel hinüber ins Urserental und haben nicht die Möglichkeit, die erhabene Aussicht auf der Passhöhe zu geniessen. Wir übrigens auch nicht, denn auch Richtung Osten zum Gotthard und Oberalp waren die Gipfel in graue Wolken gepackt.  

Grund zur Klage hatten wir aber weiterhin keine, denn die Strasse war immer noch trocken, und wir mussten noch keinen Regenschauern und Gewittern trotzen. Nach der Abfahrt Verpflegungsstop legten wir dann die wenigen flachen Kilometer der ganzen Tour erstmals beinahe rennmässig zurück. Schulmässig lösten wir uns im Gegenwind bis zur Verpflegungsstelle in Andermatt ab. Hier stellten wir dann nicht ohne Bewunderung fest, dass sich schon zahlreiche Gold-Tour Fahrer mit Energieriegeln und Bouillon stärkten. Sie hatten bereits einen Pass, rund 40km sowie 1300 Höhenmeter mehr in den Beinen. Jedoch stellten wir auch fest, dass sie sich nicht so gemütlich verpflegten wie wir.  Einige wurden beobachtet, wie sie kaum vom Rad stiegen und nach dem Verzehr einer Banane nur hastig ihre Bidons mit Elektrolytgetränken und die Trikotaschen mit Riegeln füllten.  

Auf der Hauptstrasse mit vielen vom Süden heimkehrenden Autos preschten sie alsbald davon, die Schöllenenschlucht hinunter nach Wassen. Für uns wurde es Zeit, mit der Leiserschen Fangruppe, welche uns zur moralischen Unterstützung am Susten erwarten sollte, Kontakt aufzunehmen. Optimistisch kündigte uns Kolja für ca. 14.30 Uhr am Susten an. Wie es uns im dritten Abschnitt ergangen war, soll Euch nun aber Kolja selber schildern. Ich kann nur noch erwähnen, ganz so locker wie im Titel eingangs geschrieben, war auch die Silber-Tour nicht. 

Kolja schreibt …

Ja, Jürg, Du hast Recht! Noch in den Niederungen von Wassen ahnten wir bei kuschlig-warmen, fast sonnigen 25 Grad nicht, wie sehr uns der Aufstieg zum Sustenpass schlauchen würde. Mehr als 1'300 Höhenmeter standen uns noch bevor, allesamt durch das Maiental hinauf, gnadenlos ohne Serpentine und ohne eine kleine flachere Stelle zum Verschnaufen. Wir mussten unsere Geschwindigkeit der Steigung anpassen und alsbald zwickten auch Beine, Po und Rücken. Das Wetter verschlechterte sich nach und nach, Regentropfen begannen erstmals aus dem Nebel zu fallen, und ein empfindlich kalter Wind kam auf.  

Goldfahrer von hinten  

Unsere Kollegen, die Goldfahrer, die schon einen Pass mehr in den Beinen hatten, überholten uns ein Die Fangemeinde von Jürg und Kolja ums andere Mal mit einem beneidenswerten Tempo. Ich weiss nicht, wie es gegangen wäre, hätte ich nicht die frohe Erwartung auf unsere Fangemeinde (die Leiser-Family) oben auf der Passhöhe gehabt. Glücklicherweise konnte ich mich ja immer wieder hinter Jürg zurückfallen lassen und mir dabei einbilden, dass er mich den Berg hinaufzöge (wie dies ja anscheinend immer die Edel-Helfer für Ihre Tour-de-France Cracks wie Armstrong machen), obwohl ja von Windschatten bei unserem Tempo wahrlich nicht mehr die Rede sein konnte.  

Auch nach singen war uns jetzt nicht mehr so zumute (an den beiden ersten Pässen hatten wir hier und da zur Motivation noch ein kleines Alperose angestimmt). Unseren Mitfahrern aus aller Herren Länder (Brasilien, England, Dänemark, Norwegen, etc.) erging es oft nicht anders, aber das war ja kein Trost. Irgendwann erinnerte ich mich, dass ich an einer der Verpflegungsstellen ein gruusiges Päckli mit flüssigem Energiespender eingesteckt hatte, welches wie ein Pröbli von Perwoll aussah, das musste jetzt einfach rein, und siehe da: Die Energie kehrte zurück. So erreichten wir die Passhöhe und unsere Fans in einem einigermassen tolerablen physischen und moralischen Zustand, allerdings mit einer Dreiviertelstunde Verspätung zur ursprünglich allzu optimistisch angekündigten Zeit.  

Frisch verpflegt auf den Rückweg  Geschafft, die Zieleinfahrt

Nach Keksen und frischem Wasser, das die Treuen uns dort oben im regnerischen Nebel servierten, bestückten wir unsere Velos mit Vor- und Rücklicht, zogen die Thermojacken und Handschuhe an und begannen die letzte, lange Abfahrt durch Tunnels und unzählige Kurven zurück nach Meiringen. Klatschnass, aber überglücklich erreichten wir unseren Ausgangspunkt, wo uns die Zuschauer mit frenetischem Applaus in einem zum Hexenkessel umgebauten Zielraum empfingen. Die gemessenen 10:22 Stunden Fahrzeit blieben Nebensache,  wir hatten es geschafft! Ein kräftiger Handschlag mit Jürg durfte nicht fehlen, dem ich an dieser Stelle einen riesigen Dank aussprechen möchte: Es war eine grosse Motivation und Beruhigung, mit einem so guten, erfahrenen Kollegen gemeinsam das Alpenbrevet fahren zu können! Gesamtfazit der Tour: Zur Wiederholung empfohlen!

Autoren: Kolja / Jürg